Gestern begleitete ich zum zweiten Mal die engagierten Palästinenserin aus unserer Nachbarschaft bei ihrem Besuch der Verletzten von Gaza. Auch der türkische Vater meiner Freundin, der gerade einige Tage hier zu Besuch ist, schloss sich uns auf dem Weg ins Krankenhaus an.

Im Krankenhaus empfing uns Schwester Mona, die zu meiner Freude gut englisch sprach, hatte ich mir doch vorgenommen, etwas mehr über die Geschichten der verletzten Kinder zu erfahren. Ich spürte, wie der ältere Vater meiner Freundin sich innerlich zusammenriss, als wir die einfachen Krankenhausgänge entlanggingen und auf die Zimmer der verletzten Kinder zusteuerten, hatte er doch meine Zeilen vom letzten Besuch gelesen.

Im ersten Zimmer, das wir betraten, lag der kleine Dia, dessen Arm mit einer sehr brachial anmutenden Eisenschiene zusammengehalten wurde. Er erzählte auf Arabisch – wovon ich leider nur eine Kurzzusammenfassung bekam – dass er gerade zu seinem Cousin laufen wollte, als der Bombenangriff passierte. Er zeigte auf sein Bein, seinen Arm und andere Körperstellen und erklärte wahrscheinlich den Umstehenden die näheren Umstände seiner Verletzung, was man mir nicht übersetzen konnte. Eine für alle unmissverständliche Sprache hingegen sprachen die Bilder, die er gemalt hatte, und die sein freundlich lächelnder Vater uns zeigte…

 

Dia und sein Vater       209700122

Das erste stellt die verschiedenen Gruppierungen dar, die in Gaza und Palästina kämpfen und das palästinensische Volk – sowie eine Aufforderung des Jungen an alle, zum Wohle Palästinas zusammenzuarbeiten.

Aus den anderen Bildern sprechen die fürchterlichen Erlebnisse, die der 8-jährige in den vergangenen Wochen durchleiden musste und immer wieder dieselbe Frage, was denn die Kinder, die Moscheen, die Kirchen und sogar die Toten getan hätten, dass selbst sie von der israelischen Armee nicht verschont wurden…

kinder       moschee

Ich fotografiere alles mit Entsetzen und gleichzeitigem Unwohlsein, vielleicht wie eine Art Sensationsreporterin gesehen zu werden. Aber hier wie in den anderen Zimmern lässt man mich gerne dokumentieren und hofft, dass das erfahrene Leid irgendwie sichtbar gemacht wird.

Was ich außerdem bemerke ist, dass uns alle freundlich empfangen, obwohl wir zwei – der ältere Herr und ich – kein Arabisch sprechen und auch keine Geschenke dabei haben. Man erwartet nichts von uns und wenn unsere Begleiterin jemandem ein paar Scheine zusteckt, dann muss sie sich gegen entschiedene Abwehrversuche durchsetzen, obwohl vielen derjenigen, die wir hier besuchen, sicher nicht viel von ihrem Besitz geblieben ist.

Im nächsten Zimmer liegt der 10-jährige Raed, der bei meinem letzten Besuch noch durch eine Sonde ernährt wurde, weil seine Verdauungsorgane zu stark beschädigt waren und der von seinem ebenfalls ausgezehrten Vater auf das Bett gehoben werden musste. Es war wie ein Wunder, als er nun lächelnd neben seinem Vater auf den gepackten Taschen saß, weil es ihm bereits so gut ging, dass er in einen anderen Trakt des Krankenhauses umziehen konnte.

raed-allein     esmas-vater

Meine Begleiterin war sichtlich glücklich über den Zustand des kleinen Jungen, den sie besonders ins Herz geschlossen hatte und für dessen Familie sie sich besonders eingesetzt hatte, bis auch Raeds Bruder Ahmad aus einem anderen Krankenhaus in Kairo hierher verlegt werden konnte. Während Raed nun trotz einiger fehlender Finger an seiner linken Hand und Narben von Bombensplittern im Gesicht wieder lächelte, ging es seinem 19-jährigen Bruder sehr schlecht. Eine dicke Narbe zog sich von oben bis unten über seinen ganzen Rumpf und das Stehen quälte ihn sichtlich. Wir sahen ihn nur kurz, bevor er mit einem Rollstuhl weggeschoben wurde.

Dem kleinen Raed ging es also Gott sei Dank besser und er hatte sogar zwei Familienmitglieder um sich.

Auch Ammar, der letztes Mal im Fieberdelirium gelegen hatte, schien etwas weniger zu leiden. Allerdings trocknete er sich noch ständig den Schweiß von der Stirn und man sagte mir, dass die Verheilung seiner amputierten Gliedmaßen (linkes Bein und rechter Fuß) sehr kompliziert wäre. Schwester Mona erklärte, dass seine Stümpfe erst heilen müssten, bevor man ihm Prothesen machen könnte, und dass er für die Zeit dazwischen wohl wieder zurück nach Gaza müsse.

ammar    

Eine schöne Überraschung erwartete mich im Zimmer des kleinen Bilal, der sich beim letzten Mal nur in seinem Bett hin und her geworfen hatte, ohne auf Ansprache zu reagieren und um dessen Leben ich mir große Sorgen gemacht hatte: Nun saß er mit seinem Onkel – den ich für seinen Vater gehalten hatte – auf einer Bank und lächelte schon!

bilal

Schwester Mona erzählte, dass er vor vier Tagen hier zum zweiten Mal am Gehirn operiert worden war – die erste Operation hatte in Gaza stattgefunden – und man die Blutgerinnsel erfolgreich entfernen konnte, die auf sein Gehirn und sein Auge gedrückt hatten. Auch den gebrochenen Wangenknochen hatte man wieder einigermaßen richten können. Ich war so glücklich, den Kleinen so zu sehen – wurde dann allerdings von der Nachricht schockiert, dass außer seinem Onkel der hier mit ihm war, kein einziges Mitglied seiner Familie mehr am Leben und das Haus völlig zerstört war!! Nun würde er also, so Gott will, wieder gesund werden, aber was für ein Leben wird in Gaza auf den kleinen Bilal warten?

Auch der ältere türkische Herr, der mit uns war, war sehr erschrocken über diese Nachricht und konnte nur mühsam die Fassung bewahren. Das Ringen um diese Fassung verlor er allerdings nach dem Besuch im Zimmer von Iad, den Bombensplitter am Kopf verletzt hatten, der ebenfalls 3 Brüder und sein Haus verloren hatte, dessen Schwester einen Arm verloren hatte und dessen Eltern beide schwerverletzt in Gaza im Krankenhaus lagen.

iad

Iad lag in seinem Bett und sah uns aus ruhigen Augen an, die Frieden ausstrahlten und besonders beim Anblick des lieben älteren Herrn freudig glänzten. Schwester Mona erzählte, dass er sehr gläubig sei und trotz all seiner Erlebnisse und Schicksalsschläge auf die Frage, wie es ihm gehe immer nur antworte „Alhamdulillah” (Gott sei gedankt!)

Sein Gedächtnis habe wohl durch Verletzungen von Bombensplittern Schaden genommen. Sein Blick war herzergreifend, es leuchtete ein ganz besonderes Licht in seinen Augen und die Verbindung der Blicke zwischen ihm und dem älteren Herrn war richtiggehend zu spüren. Sie konnten sich außer durch ein paar arabische Glaubensworte „Alhamdulillah” und „khair inshALlah” (Alles wird Gott, so Allah will), die international verwendet werden, nicht unterhalten, aber verstanden sich offensichtlich auf einer tieferen Ebene. Iad deutete, als sich unsere Blicke trafen, mit dem Daumen nach oben auf den alten Mann um seine Wertschätzung auszudrücken, und dieser drückte ihm zum Abschied mit beiden Händen innig die Hand.

Als wir aus dem Zimmer waren, konnte er trotz allen inneren Ringens ein paar Tränen nicht zurück halten.Am Samstag soll Iad operiert werden, um weitere Bombensplitter aus seinem Kopf zu entfernen und sein Gedaechtnis wieder herzustellen.

Auch Iads Zukunft in Gaza ist mehr als ungewiss, falls er – inshAllah – diese schlimmen Verletzungen gut übersteht und zurück kehren kann…

Noch eine schöne Nachricht wartete auf mich: Der kleine 7-jährige Ahmad mit den großen Augen und der schlimmen Narbe am Kopf, der beim letzten Besuch an der Hand seines Vaters durch die Flure gelaufen war und alle angestrahlt hatte, hatte schon nach hause fahren können, nachdem er noch einen Ausflug in den Kairoer Zoo gemacht hatte…

Ich war etwas traurig, ihn nicht noch mal gesehen zu haben, aber sehr glücklich über seine Genesung!

Im vorletzten Zimmer besuchten wir den 14-jährigen Ayman, der ruhig lächelnd in seinem Bett lag und auf den ersten Blick nicht so schrecklich verletzt zu sein schien (allerdings war er auch bis unters Kinn unter einer Decke versteckt).

ayman

Mit ihm war sein Onkel, da sein Vater, wie die meisten Mitglieder seiner Familie, bei den Angriffen ums Leben gekommen war. Im Gegensatz zu anderen, erzählte Schwester Mona über ihn, dass er wohl noch einige Wochen hier bleiben musste, weil er – wie viele andere Patienten auch – schlimme Wunden an Rücken und Schultern hatte, die offensichtlich von Phosphorbomben herrührten. Sie hätten hier in Kairo kaum Erfahrung im Umgang mit diesen Stoffen und könnten die Wunden, die sich von selbst weiter vergrößerten und vertieften, daher nur äußerlich versorgen und beobachten.

Auch auf den kleinen Ayman wartete zu hause in Gaza – falls er seine sich selbst verschlimmernden Wunden überstand – nur wenige verbliebene Familienmitglieder deren Haus vollkommen zerstört war.

Wieder hinterließ der Besuch viele verschiedene Gefühle – Einerseits war es gut zu sehen, wie es einigen Kindern schon wieder besser ging. Andererseits konnte man verzweifeln bei der Vorstellung, was die Kinder zuhause erwartete und wie es so vielen anderen Kindern Frauen und Männern in Gaza ergangen war.

Ich möchte noch einmal vor meiner Abreise in das Krankenhaus fahren, einerseits um die versprochenen Fotos zu zeigen und andererseits um zu sehen, wie Iad, Ayman und die anderen hoffentlich weiter genesen sind.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.