Mail aus Gaza
Januar 24, 2009
Heute wollte ich wieder zum Krankenhaus fahren, wurde aber von ungewaschenem Salat niedergestreckt und musste im Bett bleiben…
Gestern bekam ich eine Mail von einem guten Bekannten aus Gaza, deren Inhalt von unglaublicher Zerstörung aber auch schier unzerstörbarem Mut und Durchhaltevermögen zeugt:
salam nina
ich konnte erst heute an strom und pc. Während ich schreibe geht der strom an und wieder aus. Ich musste jetzt über moden ins internet und langsamer arbeiten. Auf jeden fall ist von der engen familie nur die wohnung meines bruders zerstört, unsere olivenplatage(ca 6000qm) dem erdboden gleich und die moschee, die mein onkel erst letztes jahr gebaut hat nicht mehr zu finden. Was mich zum lachen brachte, als ein bewohner des stadtteis zaitoun, ca 1 km von uns entfernt, einem journalisten sagte, ich fand mein haus bei den nachbarn. Einige stadtteile sind nicht mehr zu erkennen, weder häuser noch straßen. Die menschen sind immer noch schockiert über die grausamkeiten der israelis, sind aber sehr gläubig an allah und an die freiheit, davor man viel noch aufgeben muss. An der uni, wo ich arbeite, waren die israelis über 2 wochen und haben dort ihre zentrale für den krieg gehbt, bei ihrem auszug haben sie alle schönen büros und manchen hörsäle zertört.
Hasbuna allah wa ne”m alwakel
salam an alle
Eine energiegeladene Palästinenserin und ihre resolut-warmherzige Mutter nahmen mich heute mitsamt einer Wagenladung Kleidung und Spielsachen mit ins Palästina-Krankenhaus, wo einige der zahllosen Verletzten aus Gaza behandelt werden. Erst gingen wir noch in ein besonders preisgünstiges Warenhaus und besorgten all die Dinge, die auf ihrer Liste standen – Wünsche der Verletzten, die sie ihr bei ihrem letzten Besuch mitgegeben hatten: Kinderschuhe in verschiedenen Größen, Kleidung für Kinder und Erwachsene und als kleine Überraschung für zwei kleine Jungen fanden wir noch bunte Fußbälle. Beim Kauf der Schuhe für die kleinen Jungen wurde darauf geachtet, dass sie nicht mit bunten Mickimausbildchen verziert waren. „Sie sind Männer“, sagte meine Begleiterin zur Erklärung und ich dachte darüber nach, dass eine unbeschwerte Kindheit den meisten von ihnen wahrscheinlich schon lange versagt war.
Bevor es dann mit den Habseligkeiten und einem dicken Bündel Spendengeld zum Krankenhaus ging, wurde ich noch ernst angewiesen, nicht zu weinen, während wir uns im Krankenhaus befänden, das könnte ich danach tun soviel ich wollte, aber nicht vor den Kranken. Ich versprach, mein Bestes zu geben.
Im Krankenhaus angekommen wurden die beiden Frauen schon herzlich begrüßt – sie gingen hier wohl ein und aus. Ein palästinensischer Mann half uns beim Tragen des Mitgebrachten und begleitete uns von Zimmer zu Zimmer. Mir war schon etwas mulmig zumute, wie ich dem Anblick schwerverletzter Kinder standhalten würde, aber der Schrecken lag schließlich nicht so sehr in den Verletzungen, aber davon später.
Im ersten Zimmer begrüßten wir zwei Jungen von etwa 7 und 13 Jahren, die in den Krankenhausbetten lagen, während ihre von Schwerem gezeichneten, aber dennoch lächelnden Väter neben ihnen standen. Der Kleinere bekam neben Schuhen und ein paar Kleidungsstücken eine Digitalkamera, die ihm bei der Erinnerung helfen sollte, weil sein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen war. Er war zehn Tage lang für tot gehalten worden und dann wieder ins Leben zurück gekehrt, eine unglaubliche Geschichte, über die ich später noch mehr erfahren soll. Vor mir lag ein müder, lächelnder Junge, der seine ganze Konzentration aufwenden musste, um der Erklärung zu seiner Digitalkamera folgen zu können. Besonders schien er sich für den Zuspruch der älteren Dame zu öffnen, die wohl viel Mütterliches für ihn ausstrahlte.
Im Bett daneben lag der etwas Ältere, der uns zur Begrüßung anlächelte. Die alte Dame machte einen Spaß, dass er so aussähe wie ich, weil er auch grüne Augen hätte und alle lachten verhalten. Er sprach ein wenig mit seinen Besucher/-innen und lächelte meine junge Begleiterin an, wenn sie ihm aufmunternde Worte sagte und ihn freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Es schien ihm verhältnismäßig gut zu gehen, während man mir seine frisch genähte Narbe zeigte, die sich über den ganzen Bauch zog, und mir erklärte, dass sich immer noch eine Kugel in seinem Körper befände, die ihm aber nicht mehr schaden würde. Beide hatten zahlreiche Wunden auf der Haut und ich musste mit Grausen daran denken, dass die beiden Frauen mir erzählt hatten, fast alle Verletzten hätten Wunden von Phosphor-Bomben, einem Stoff, der sich bis auf die Knochen fressen und auch noch Jahre später tödlichen Krebs auslösen kann.
Im nächsten Zimmer trafen wir ein paar Frauen, mit denen ich wegen nicht vorhandener Arabischkenntnisse meinerseits nicht sprechen konnte. Sie schienen einigermaßen wohlauf, bis auf eine größere Beinverletzung bei einer älteren Frau, aber vieles sahen wir vielleicht auch nicht. Eine jüngere Frau lag nur im Bett, lächelte, sagte nicht viel sagte und hielt eine künstliche Rose über der Bettdecke.
Bevor wir das Nebenzimmer betraten wurde ich nochmals aufgefordert, meine Contenance zu wahren, weil hier ein schlimmer Fall läge. Der etwa 16-jährige Junge wurde kontinuierlich von einem Ventilator angepustet, obwohl ich eher froh über meine warme Jacke war. Er schien gar nicht richtig anwesend zu sein, obwohl er wach war, drehte den Kopf immer heftig von einer Seite auf die andere und war ständig damit beschäftigt, sich mit einem Taschentuch über das Gesicht zu wischen oder mit einem Stück Papier Luft zuzufächeln. Man erklärte mir, dass er seine beiden Füße verloren habe und unter einem heftigen Fieber leide. Als wir aus dem Raum gingen rief er laut einige Worte, wie im Fieberdelirium.
Im nächsten Raum saß ein kleiner, knapp 10-jähriger Junge auf dem Bettrand, und sein Vater hob ihn ins Bett als wir kamen. Meine Begleiterin schien besonders um ihn besorgt und überhäufte ihn mit zahllosen Geschenken. Er bekam einen Fußball, Schuhe, Kleider und sogar ein neues Handy um mit seiner Familie telefonieren zu können – zur Aufheiterung sogar mit Radio und anderen Features versehen. Trotz all der Geschenke, die extra in Augenhöhe aufgestellt wurden, und all der Aufmunterungsversuche dauerte es sehr lange, bis ein Anflug von einem Lächeln über sein Gesicht huschte – und das war das Schlimmste bei diesem Besuch: Nicht die offenen Wunden und fehlenden Gliedmaßen drohten mein Tränenverbot zu unterwandern, sondern die Kindergesichter, auf denen kein Lachen mehr lag und die das Ausmaß ihres Leides erahnen ließen.
Unter den Kleidern, die er bekam, waren auch Schuhe und eine schwarze Hose für den Schulbesuch, die er sich ausdrücklich gewünscht hatte. Meiner resoluten Begleiterin muss es fast das Herz zerrissen haben, als sie ihm die Schulkleidung strahlend überreichte, während sie große Zweifel hegte, ob er je wieder eine Schule besuchen könne. Glücklich machte es sie dann, als sie hörte, dass er wohl etwas gegessen hatte, worauf sie fast nicht mehr gehofft hatte, da seine zerstörten Organe bisher nur eine Ernährung mit der Sonde zugelassen hatten.
Als all die Bemühungen am Ende doch noch hervorbrachten, dass er so etwas wie den Anflug eines Lächelns auf seinen zusammengenähten Lippen hatte, musste auch die robuste Mama meiner Begleiterin sich abwenden, um keine Tränen zu zeigen.
Bevor wir einige erwachsene Männer besuchten und Kleidung und Geld brachten, trafen wir noch auf den kleinen Ahmad (7) mit seinem lächelnden, herzlichen Vater. Auch der kleine Ahmad lächelte ein wenig, als wir kamen. Er lag auf seinem großen Bett und streckte den Arm nach links, in den eine Infusion lief. Es schien ihm im Vergleich zu Anderen ganz gut zu gehen und als wir einen bunten Fußball auf sein Bett legten, fing er gleich an, mit seinen Füßen damit zu spielen und ihn vom Bett zu kicken. Als ich seinen Kopf von der anderen Seite sah, bemerkte ich erst eine riesige Narbe, die sich über den halben Kopf zog. Hier hatte man, so wurde mir erklärt, einen Bombensplitter aus seinem Kopf entfernt. Wie alle anderen lag er ruhig da und beobachtete seinen Besuch, anders als einige Andere zeigte er sogar ein Lächeln angesichts der Geschenke und lächelte mich auch immer an, wenn er bemerkte, dass ich ihn ansah.
Bevor wir das Krankenhaus verließen, bekam meine Begleiterin noch eine Kleidungslieferung von einem bekannten Ladenbesitzer, die wir eilig unter den verletzten Kindern und Erwachsenen verteilten. Zwischendurch liefen alle zum Balkon eines der Zimmer und sahen, wie einige Krankenwagen weitere Verletzte brachten, darunter wieder zwei Kinder.
Einer der letzten auf unserer Besuchstour war der etwa 10-jährige Bilal, der auch einige Kleider bekam und nach weiteren Wünschen gefragt wurde. Auch er konnte nicht lächeln, auch er hatte eine große Narbe am Kopf und drehte sich unruhig von einer Seite auf die andere, offensichtlich von inneren Leiden körperlicher und seelischer Natur gequält. Und wir standen da und konnten ihm nicht helfen, außer ihm ein paar notwendige Dinge zu bringen, die ihm und seinem Vater die Zeit fern von der Familie – so sie noch eine hatten – erleichtern sollten.
Und diese Kinder und Erwachsenen gehörten noch zu den „Glücklichen“, denen Hilfsorganisationen die Ausreise und die Behandlung in einem ägyptischen Krankenhaus ermöglicht hatten…
Und dann begegnete uns auf dem Gang noch mal der kleine Ahmad mit der Kopfwunde, der mit seinem Papa den Gang rauf und runter lief und unsere Grüße und unser Winken mit einem Lächeln erwiderte – ein kleines aber helles Licht, das alles doch sehr lohnend erscheinen ließ.
Überhaupt bin ich sehr dankbar, dort gewesen zu sein und diese Menschen getroffen zu haben, die insgesamt so viel Ruhe und Geduld und Stärke ausstrahlten, dass ich mich ganz unbeholfen daneben fühlte.
Ein junger Mann trug mir noch auf, alle Muslime in Berlin von ihm zu grüßen, und ich versprach, mich zu bemühen…
Ich hoffe, in ein paar Tagen wiederkommen zu können, um sie alle wieder zu sehen und Fotos von ihnen zu machen, damit andere sie auch kennen lernen können
Seit vier Tagen bin ich jetzt in Kairo. Schon bei der Ankunft sagten meine Begleiter, dass wir nur ein paar Stunden fahren müssten, um nach Gaza zu kommen… Das war plötzlich nochmal ein ganz anderes Gefühl für das Leiden dort, dass es so nah und ich praktisch auf dem selben Boden war.
Zwei Tage später hatte ich das erste Mal die Gelegenheit, Verletzte aus Gaza in einem Krankenhaus zu besuchen und möchte meine Erlebnisse dort jetzt gerne teilen, weil ich hoffe, dass ein Erlebnisbericht und vielleicht später auch Fotos das Leid der individuellen Menschen noch etwas näher rückt als anonyme Medienberichte. Für mich war es jedenfalls etwas ganz Anderes und ich werde so gut wie möglich versuchen, das zu teilen.